Im richtigen Abstand
Eröffnungsrede zur Vernissage der Ausstellung All Terrain - Julia Kunigund Holgersdottir,
im Kunstverein Ludwigsburg am 24. Juni 2012

„Gauß kam auf den Zufall zu sprechen, den Feind allen Wissens, den er immer habe besiegen wollen. Aus der Nähe betrachtet, sehe man hinter jedem Ereignis die unendliche Feinheit des Kausalgewebes. Trete man weit genug zurück, offenbarten sich die großen Muster. Freiheit und Zufall seien eine Frage der mittleren Entfernung, eine Sache des Abstands“

(Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, 2005)

Ich freue mich, dass der Raum des Salons wieder einmal ein völlig neues Antlitz erhält und mit seinen vorhandenen Eigenarten gearbeitet wird, bevor der Kunstverein dieses Domizil verlässt. Aus Spaß hatten wir im Vorfeld immer gewitzelt, dass man dabei die großen Löcher im Boden, die wohl in den Keller führen, als vielleicht letzte Raumperspektive nutzen sollte. Es kam leider, nein gottseidank, anders. Der Salon wird nicht zum White Cube, zur weißen undefinierten Wand degradiert, der hinter dem Kunstwerk als unsichtbarer Rahmen weit zurücktritt oder gar verschwindet. Denn Ecken, Nischen, Löcher, Boden, sogar die Wandbeschaffenheit werden in einen sinnvollen Kontext gestellt und werden damit auch sinnliche Erfahrung für die Betrachter.
Julia Wenz gibt sich nicht zufrieden mit einem auf mittlerer Höhe hängenden Bild, jedenfalls nicht nur, sie bespielt den Raum als Rahmen einer Ausstellung und hat entsprechend für diesen Anspruch den Raum nicht einfach mit Arbeiten angefüllt, sondern angereichert: in vielen Stunden mit ihm gedanklich und handwerklich gearbeitet.
Julia Wenz schöpft aus der großen Freiheit, die die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gebracht haben: Sie kann alles für die Kunst verwenden und die Gegenstände einladen, zum Objekt zu werden. Man trifft auf Leinwand, Fotografie, Knochen, Hölzer, Glasgefäße, Plastik, Klebeband, Spiegelfragmente und allerlei Leuchtmittel, um nur einen Teil aufzuzählen. Weil Form, Farbe, Funktionalität und Kontext im Kopf des Betrachters Assoziationsketten auslösen und das, was das objet trouvé, das gefundene und möglicherweise leicht veränderte Ding, über Herkunfts-, Zustands- und Formverhältnisse als eigene Botschaften sendet, sich möglicherweise als Kunst behaupten kann.
Hier können Sie heute also diverse pseudowohnliche Elemente und kleine Bühnenstücke entdecken. Statt klassischen Sockeln stehen da z.B. Tische mit gesammelten Utensilien. Einer suggeriert mit seiner durchsichtigen Glasoberfläche laborhafte Sterilität, darauf aneinander gereiht: zahlreiche Petrischalen mit diversen Materialien darin, die zu wissenschaftlicher Betrachtung einladen. In jeder wuchert zusammen mit unseren Betrachtergedanken eine ganz eigene Kultur. Knochen, Farbe, Moos und Glas. Da wäre noch ein weiterer Tisch nebst Karten an der Wand. Karten ein weiteres großes Thema von Julia Wenz. Geben Karten doch ein besonderes Bild der Zeit und der Denkweise wieder, in der sie entstanden sind. Und über den Standpunkt des Kartierenden. Ein ehemals wilder, blinder Flecken Erde wird scheinbar gezähmt und unter objektiven Gesichtspunkten von topographischen Merkmalen wie Höhe über Wasserspiegeln oder Bewaldungsstrukturen, Landschaftsfaltungen, Flussläufen und Zahlen der Bevölkerungsdichte wiedergeben. Eine wie auch immer geartete Stabilität oder Berechenbarkeit trägt dieser Vorstellung Rechnung. Dass dem selbst am Lande nicht so ist, lehren uns Beben, Erdrutsche, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Gletscherschmelzen und sonstige plattentektonische Aktivitäten sowie unsere im Vergleich mit der Weltgeschichte äußerst bescheidene Lebensspanne. Auch die Karte bietet letzten Endes nur einen Schnappschuss im Gedächtnis des Planeten und seiner Landmassen. Diese Freiheit nutzt Julia Wenz noch weitgreifender und vermischt Bildebenen des Mikrobereichs mit dem Makrobereich. So mutiert ein abgebrannter Marschmallow vergrößert zur dramatischen Felsklippe, ebenso wie die Topografie eines hochgezoomten Capuccinoflecks als Insel ins Bild gerückt wird.
Überraschende Blickwinkel zeigen auch die Fotos. Mit Spiegeln im Matsch installiert sie in der Natur ein neues Bild, welches fotografisch festgehalten und auf Leinwand ausgedruckt surreal und collagenhaft erscheint. Aber nein, diesmal ist es doch die Wahrheit, ein echtes Foto einer echten Spiegelung im echten Matsch. Wo wir mit Manipulation rechnen, wird überraschenderweise ehrlich gespielt.
Besonders charmant erscheinen die Stopfungen der Löcher im Boden mit Islamoos und der aus dem Museum seltsam vertraut tickende Hygrometer an der realen feuchten Stelle. Es wäre ein Trugschluss, der Künstlerin zu unterstellen, dass Julia Wenz im Leben vorbeidriftende Bilder und Gegenstände einfach abfischt, vergleichbar mit Strandgut. Nein, es muss programmatisch verstanden werden: Die vermeintlich eindeutigen, gedanklich besetzten Bilder oder banalen Gegenstände verlangen nach neuen Deutungen und Zusammenhängen, durch Kontextualisierung und feinsinnige Umgestaltungsmaßnahmen. So erschafft sie Arrangements von großer Eindrücklichkeit und Stimmung, wie den umpanzerten Heizkörper, der mit neuen ebenfalls rasterartigen Formen fast getilgt wurde und mit seinen diversen Lichtquellen von Monitor, Spiegeln, Lampen, Birnen und Glühdrähten eine besondere altarhafte Präsenz erhält.
Wie kommt die Künstlerin dazu? Die Arbeitsweise von Julia Wenz ist immer an der Grenze. Man könnte sie schlecht als Malerin, Zeichnerin, Fotografin oder Medienkünstlerin beschreiben, das wäre so richtig, wie es auch falsch wäre. Was sie ist, und welche Ausdrucksform sie wählt, kommt immer erst im Prozess und mit der selbstgestellten Aufgabe zum Vorschein und muss sich dann als qualitätvoll für sie erweisen. Sie nimmt sich also nicht so wichtig als Künstlerperson, so dass sie medial eine große Offenheit entwickeln konnte. Wo sich andere Künstler auf Label, Markenzeichen mit Wiedererkennungswert, festlegen, herrscht bei ihr ein fast archäologisches Interesse daran, die wirkliche Welt zu sehen, zu begreifen und ihr, auf eine ernsthafte, aber nicht minder spielerische Weise, Zwischenschichten zu entlocken. Es tut sich immer wieder Neuland auf, die künstlerische Professionaliät, mit der sie sich den Themen hingibt, soll nicht im gewohnten, technisch versierten, letztlich ersticken. Neuland, also Land, Tiefe, Raum neu zu ermessen ist für Julia Wenz eine Lebensaufgabe, die die Konzeption letztlich in den Hintergrund stellt. Hier liegt auch, in unserer abgeklärten postmodernen Kunstwelt, die oft in langweiliger Wiederholung und gähnender Variation Kunst oder das was man dafür halten soll, hervorbringt, ein echtes Potential für Innovation.
Ein metaphorisches Abbild von Erscheinungen der Welt muss für Julia Wenz dabei Island sein, die Insel zeigt mit ihrer Gegensätzlichkeit und den an die Oberfläche tretenden Verbindungen zur Erdentstehung, Vulkane, Geysire, Gletscher, ein ideales Umfeld für das laborhafte Denken der Künstlerin. Einst von einem Stipendium ins Land geführt, verlegt sie in den letzten Jahren regelmäßig Arbeits- und Lebensphasen auf die Insel. Es ist aber nicht die wilde Romantik, der sie sich ergeben möchte; genausowenig der schon zum Überdruss zelebrierte Island-Hype von Touristibranche und Buchmessen, den sie ironisch mit islandomorphem Pseudonym „Julia Kunigund Holgerdottir“ (also Tochter des Holger) bespöttelt. Als ob das so einfach wäre mit den Identitäten.
Ich schätze, dieser veränderte, anders tickende Rahmen schärft nochmals die Wahrnehmungsantennen der Künstlerin und den Blick auf sie von außen.
Julia Wenz und Julia Kunigund Holgersdottir finden Impulse in der natürlichen und der zivilisierten Welt und stoßen auf Erklärungsmodelle, Zeichensysteme, Forschungsbestecke, Hinweisschilder und Landkarten. Sie suchen und finden und werden aktiv als teilnehmende Schauende.
Sie wissen, in den Resonanzräumen zwischen Raum und Dingen kann Erkenntnis und auch Poesie entstehen.
Ich wünsche Ihnen ein aktives Sehen in geeignetem Abstand, gute Gespräche und einen angenehmen Sonntag.

 

 

------------------------