Ist der Besuch schon da?
Katalogtext aus "Déplacement", Hrg. Künstlerhaus Schloß Balmoral, 2007

Ist ein Buddha im Lindt-Goldhasen-Staniolpapier ein schlechtes chinesisches Plagiat? Oder erschließt Lindt oder Buddha selbst sich neue Märkte? Hat Nestlé das Gewand des Smarties Klapperhasen einfach über alles gezogen, was hineinpasst oder versucht der ernste Buddha seine Ruhe langsam gegen das Geschüttel durchzusetzen?

Julia Wenz spielt mit dem, woran der eigene Alltag erkennbar ist: Osterhasen, der kleinen dekorativen Figur vom Floh- oder Antikmarkt, dem Mitbringsel von der letzten Reise oder dem letzten Ausstellungsbesuch, so vielen Plastiktüten. 

Alles vermeintlich harmlose Sammlerstücke des Alltags, die sich anhäufen und in der Regel unauffällig wieder verschwinden oder zumindest auf der Fensterbank verblassen.
Hier wird ein Spiel mit den gewöhnlichen Gegenständen getrieben, die durch eine Neuzuordnung, durch das Déplacement einen verunsichernden Verweis auf die ihnen zugedachte Funktion geben.
Die Objekte scheinen sich gegen diese Zuschreibung des Dekorativen zu wehren: Sie wehren sich gegen derartige Verharmlosung durch das Unterwandern des Harmlosen selbst. Wenn der Lindt-Hase, das Zeichen für hochwertige Ostergrüße in Deutschland, jetzt ein lächelnder dicker Buddha ist, das Zeichen für einen gelassenen Weg der Weisheit einer ganz anderen Weltreligion, macht das misstrauisch oder neugierig.
Julia Wenz unterbreitet neue Vorschläge für etwas, das, wie es scheint, die Dinge selbst erzählen. Damit öffnet sie neue Perspektiven auf durchaus wirtschaftliche und soziale Definitionshoheiten und Machtgefüge, die sich im Alltag in genau diesen scheinbar harmlosen Erscheinungsformen zwischen Deko-Figurine und Plastiktüte von Saturn zeigen.
Sie legt vor der gebrauchten Media-Markt-Tasche der Porzellanfigur einer asiatischen Frau den Spruch „Ich bin doch nicht blöd“ in den Mund. Damit verbindet sich mit dem Hinweis auf das Elektronik-Produktionsland China auch eine Hersteller-Person. Ähnlich wie bei dem sitzenden Akt vor der Saturn-Tüte, der „ins Netz gegangen“ ist, oder der Büste der schwarzen Frau mit den betont roten Lippen erhält jemand eine Stimme, die dem Werbeslogan je neuen Sinn gibt. Und jemand erhält ein „Gesicht“. Letzteres jedoch eines ohne authentischen Absender, eines, das die indifferente, verharmlosende und folkloristische Darstellung fremder Kultur oder schöner Frau aufgreift. Dies hängt auf das engste zusammen mit der durch derartige Darstellung geschulten Einschätzung des Fremden beziehungsweise der Exotin als hübsche Staffage - jedoch nicht einer Wahrnehmung als sprechendes Subjekt. Das ist nicht allein persiflierte Werbung, sondern vorgeführter Kitsch: eine Botschaft ohne biografischen Absender, etwas, das seinen Sinngehalt überhaupt erst in den Händen oder im Kopf des Adressaten erhält. Der sucht eine Sehnsucht nach Beruhigung, Zuversicht nach „Rettung“ zu stillen, wie etwa mit den treu blickenden Hunden aus Porzellan, nach denen der Tüten-Junge greift.
Die Welt lässt sich in der eigenen Sammlung und Auswahl sehr gut ordnen und sicherstellen. Oder sie lässt sich virtuell neu erfinden in „digitalen Ideen“, vor denen  Terrakotta-Soldaten, ein Bild für eine über 2000 Jahre alte Idee, als kleines, unorientiertes Grüppchen erscheinen. Vielleicht zeigt das nachfolgende nahezu geometrisch geordnete Bild die Ton-Krieger auf dem Rückzug im „Erdloch“ am eigenen Haus, vielleicht warten sie auch nur auf den richtigen Moment, um neu formiert hervorzutreten.

Die nur noch mit Perlen besetzte Büste verweigert jeden Kommentar über das Fehlen eines eigenen Gesichtes, das unter den kleinen Steinen fast verstopft zu sein scheint; ein Buddha-Kopf als Kokon für etwas Unbekanntes.  
Selbst das Bild der in allen Gesten und Mimiken streng kontrollierten Peking-Oper gerät in der verwackelten Grimasse ins Wanken und die Künstlerin spielt erneut mit dem Ausbruch des Folkloristischen aus seiner Berechenbarkeit.

Julia Wenz ordnet Dimensionen der Wahrnehmung und damit einhergehender Realitätskonstruktion und -sicherheit neu in den Alltag ein. Ihre Figur-Konstellationen verweisen durch ihre (Porzellan-)Präsenz vor und in westlichem Verpackungsmaterial auf die Spanne zwischen alter chinesischer, äußerst wertvoller Qualitätsexportware und neuem Billigprodukt-Deal. Mit beidem verbinden sich zwei sehr unterschiedliche Menschenbilder, die die Wertschätzung für eine Person an den Wirtschaftswert der hergestellten Ware koppeln.
Die Künstlerin entwirft damit eine eigene Version interkultureller Kommunikation, deren Akteure im Gewand exotischer Besucher an vermeintlich sicherer Stelle auf ihr Stimmrecht aufmerksam machen.

Der Besuch ist schon längst da, er ist nicht blöd und erwartet etwas mehr biografische Aufmerksamkeit und Neugierde.

 

 

 

 

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