Rede zur Eröffnung der Ausstellung  „Formation. Julia Wenz“
im Maison de Bourgogne, Mainz, am 03. Mai 2012

Guten Abend, meine Damen und Herren,
ein Blick in die Werkstatt des Vernissagenredners: Da kommt ein Email von Mélita Soost, möchtest Du nicht die Einführung zu Julia Wenz machen? Ein Blick in den Kalender: ja, geht, dann ein Blick ins Internet: ja, was die Künstlerin macht, sieht interessant aus, machen wir. Ein, zwei Wochen vorher lässt man sich Kataloge und anderes Material schicken, vielleicht ein Telefonat und ein, zwei Emails, ein Versuch, sich anhand der Texte und Bilder einen Eindruck von der Arbeitsweise der Delinquentin zu machen, und dann, meistens leider eben nur ein, zwei Tage vor der Eröffnung, die Begegnung, nicht nur mit der Künstlerin oder dem Künstler, sondern auch mit der fast fertigen Ausstellung.
Das ist schon spannend, kann ich Ihnen versichern, und es macht auch nach Jahren immer wieder Spaß, besonders hier im Haus Burgund, ich wiederhole mich, das war das obligatorische Kompliment.

Dieses Mal, gestern Nachmittag war es, hatte ich mich entschieden, das Schlachtfeld erst einmal langsam zu umkreisen und mich dann wie ein Besucher aus der Stadt zu nähern. Mal das große Schaufenster von der anderen Straßenseite aus beäugen, und dann so tun, als ob man zufällig vorbeikäme. Was sieht man dann? Was zieht einen in Bann?

Zunächst Verwirrung. Da hängt was Flächiges im Fenster, Plakate auf den ersten Blick, etwa wieder Werbung für die Partnerregion Burgund wie im Sommerloch? Nein, aber Werbung wie beim Friseur, L’Oréal, jetzt also auch hier Carla Bruni? Merde! Mélita, wie kannst Du?

Aber beim Näherkommen sehe ich: Das ist ja alles durchlöchert, das kann nicht so oberflächlich ernst gemeint sein. Da wurde dekonstruiert, demontiert, zerstört, eingegriffen. Ich sage später, worum es da geht.

Julia Wenz, die in Stuttgart lebt, in Neustadt/Weinstraße geboren ist, 2007 das rheinland-pfälzische Burgund-Stipendium hatte und sich hier in dieser Ausstellung in wunderbarer Konzentration auf ihre Erfahrungen und Souvenirs aus Frankreich bezieht, ist eigentlich Objektkünstlerin. Das heißt, sie beschäftigt sich mit den vorgefundenen Dingen der Umwelt und ist insofern Realistin. Soweit ich nach Durchsicht ihrer Kataloge gesehen habe, gibt es keine einzige Arbeit, die nicht ihre Basis in Objekten unserer Welt hat, und zwar in von Menschen gemachten Objekten.

Häufig treten uns diese Objekte ganz real und konkret gegenüber, als kleine skulpturale Fetische, in Rauminstallationen, als Materialbilder, in ihrer Erscheinungsform als Ding, natürlich von der Künstlerin bearbeitet. Sie sollten einen Blick in die ausliegenden Kataloge werfen.

Heute nun, den räumlichen Möglichkeiten geschuldet, haben wir es hauptsächlich mit Abbildern zu tun, besser: mit bildlichen Verarbeitungen. Hinter mir sehen Sie eine Kollektion von fast ethnologischer Dimension, und wer in Frankreich gerne einkauft, erkennt, was Julia Wenz gesammelt hat: Es sind diese typischen Preisschilder vom Marktstand, aus der Fleischerei, aus der Auslage des Fischhändlers, dem Schaufenster mit dem Käse oder dem frischen Gemüse. Mit diesen genialen Drehscheiben, die den Tagespreis angeben. Der Händler hat dann oben die jeweilige Artikelbezeichnung draufgeschrieben oder geklebt, manchmal ist auch etwas vorgedruckt, und jeden Tag piekst er das Schildchen wieder in die Courgettes oder in das zerstoßene Eis neben den Doraden oder in die Form mit der Terrine Campagnarde, und zwar über Jahre.

Dementsprechend tragen die Schildchen die Spuren langer Benutzung, waren vielleicht schon ausgemustert, und überhaupt scheinen sie allmählich zu verschwinden, nicht nur wegen der vorgegebenen Angabe in Francs. Teils werden sie heute durch digitale Schilder ersetzt. Julia Wenz jedenfalls hat sie bei ihrem Aufenthalt im Burgund gesammelt und auf diese Weise 141 Stück zusammengetragen, in einem Formenreichtum, der sich erst durch die Abstraktion und Vereinheitlichung in der Zeichnung ergibt. Hier passte nur ein Teil an die Wand. Wichtig ist dabei, dass alle in ihrem Originalformat abgebildet sind, wichtig ist auch das Transparentpapier, das sich durch die aufgetragene Farbe leicht verzieht und auch den mehrschichtigen Charakter der Schildchen spüren lässt. Die Künstlerin hat zudem die Zahlenangaben so belassen wie sie kamen. Einige Preise scheinen zu stimmen, einige sind absolut unmöglich, bei dritten haben sich die Drehräder so verstellt, dass man die Zahlen kaum erkennt. Was uns also präsentiert wird, ist eine quasi-wissenschaftliche Bestandsaufnahme eines einzelnen Kulturobjekts, mit durchaus malerischer Qualität und unter Einbeziehung aller möglicher Assoziationen, Erinnerungen und Perspektiven. Mir jedenfalls macht diese Arbeit, die einfach nur „La Piece“ heißt, Appetit, und ich freue mich auf den nächsten Marktbesuch in Frankreich, der zum Glück kurz bevor steht.

Die Verfremdung kann auch durch eine Zutat erfolgen. Das kann eine Kleinigkeit sein, z. B. das Einfügen eines Frühstücksbretts mit weißblauem bayerischen Rautenmuster in das rechtwinklige Streifenraster einer Plastiktüte, wodurch eine abstrakt-konkrete Komposition entsteht, in Originalgröße auf Fotopapier abgezogen, deren Ernsthaftigkeit sich im Moment der Entschlüsselung als Assemblage banaler Gebrauchsgegenstände sofort wieder verflüchtigt.
Dennoch ist sie da, die Komposition, spannungsgeladen und in beeindruckender Präsenz. Das ist mehr als „Frühstücksbrettchen auf Einkaufstüte“, und doch ist es auch das wieder.
Ein Bild, changierend zwischen ironischem Kommentar auf eine ganze Kunstrichtung – das Galeristenpaar von schräg gegenüber sollte hier sein – und Faszination von Form und Farbe. Dazu Hommage an die Meister der Collage und Assemblage der Moderne (Picassos Fahrradsattel mit Lenkstange wird zum Stierkopf) ebenso wie die Hinwendung des Blicks auf die ephemeren Alltagsobjekte, und zwar die industriell gefertigten.
Jedes bedruckte Frühstücksbrettchen, jeder Lichtschalter, jedes Sofakissen, jeder Plastikbecher und jedes Preisschildchen ist Ergebnis von gestalterischen Entscheidungen. Tausende von Designern machen täglich nichts anderes.
Natürlich würden wir nicht glücklich werden, sähen wir uns das Warenangebot von ALDI oder REWE einschließlich aller Details mit demselben ästhetischen Interesse wie eine Kunstausstellung an. Aber das Label „Kunst“ steht ja auch nicht drauf, also können wir den Supermarkt gedankenlos wieder verlassen, die bunte Warenwelt auf ihren Gebrauchswert reduzieren und alle ästhetischen Überlegungen vergessen – es sei denn, etwas erscheint uns besonders misslungen und unschön.

Oder es sei denn, ein künstlerischer Akt der Verfremdung lenkt unseren Blick um. Das kann durch einfache Präsentation der Objekte außerhalb ihres Kontextes passieren (Duchamps Flaschentrockner und sein Urinoir, Warhols Suppendose), durch Isolation, Reihung, Vervielfältigung und damit Hervorhebung formaler Elemente wie bei den Preisschildchen oder eben durch Collage, Kombination, Konfrontation.
Max Ernsts Definition ist immer noch schlagend und anwendbar auf sehr viel mehr künstlerische Verfahren als die geklebte Papiercollage zu seiner Zeit:
„Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene - und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“

Diesem Prinzip folgen viele der Arbeiten von Julia Wenz, teils mit verblüffender Einfachheit des Eingriffs. Sie legt einen Teppich, den sie in ihrem Stipendiatenapartment vorfindet, ins Zentrum eines aufgelassenen Tennisplatzes am Ort und schafft damit eine formale Korrespondenz zweier von Menschen gestalteten viergeteilten Flächen. Ein Foto dokumentiert die Situation, wobei das Werk – und da versteigen wir uns schnell in Überlegungen zur Konzeptkunst – eigentlich dieser künstlerische Akt ist, die Handlung, das Tun, das Foto dagegen nur noch Souvenir und Indiz für etwas, das stattgefunden hat. Aber das nur nebenbei.

Ein guter Teil der Arbeit besteht, das ist sicher klar geworden, im Entdecken. Im Finden, ohne zu suchen vielleicht. Manchmal ist ein Eingriff in die Dingwelt gar nicht mehr notwendig. Von selbst, ohne Zutun der Künstlerin, haben sich einander wesensfremde Realitäten zusammengefunden, haben Menschen vor ihr, irgendwann und vielleicht vor langer Zeit Ensembles geschaffen, bei denen der Funke Poesie überspringt. Ein Foto reicht aus, wie bei dem kleinen Hof auf der Säule mit der merkwürdigen Hütte und dem überaus kreativen Treppchenmosaik.

Die Zutat, von der ich gesprochen habe, kann auch sehr gewichtig sein, der Eingriff härter, die Konfrontation einander fremder Elemente gewaltsamer. Das trifft zweifellos für die „Cityscapes“ – also Stadtbilder – im Schaufenster zu. Die Gesichter schöner oder geschönter Frauen sind durch Einschnitte zerstückelt, Haut und Haar, die so schmeichelnd-verführerisch glänzen sollen, werden durchlöchert von mechanisch gereihten Rasterflächen, anorganisch-technizistische Strukturen stören die kühle Erotik.

Das verbindende Element dieser beiden Bildwelten, der gemeinsame Begriff, den diese Décollagen – denn so müsste man das Verfahren ja eigentlich nennen – provozieren, ist natürlich die Fassade. Worin das französische Wort für Gesicht schon enthalten ist. In diesem Falle das faltenlose kosmetisierte Gesicht der urbanen Konsumwelt, ob nun Model oder Mainhattan, Haut oder Hülle, Glitzer oder Glas: Oberflächen – im eigentlichen und im übertragenen Sinn.

Aber auch bei dieser Arbeit dürfen wir nicht zu kurz greifen. Die Anordnung verschiedener Muster auf dem einzelnen Plakat folgt ästhetischen Prinzipien, ist kubistisch aus wechselnden Perspektiven zusammengesetzt. Durchblicke sind kalkuliert, Tiefen, Durchdringungen, ebenso Spiegeleffekte in den Glasfronten, leise Bewegungen, der im Lauf des Tages wandernde Schattenwurf und der völlig andere Eindruck bei nächtlicher Beleuchtung. Das soll schon alles schön aussehen, und vielleicht sogar ist das Spiel des Lichts, das durch die Einschnitte ausgelöst wird, das eigentliche ästhetische Element. Verboten darf diese Sichtweise nicht sein. Und – seien wir ehrlich – übt die futuristische Glasfront einer modernen Architektur nicht dennoch eine Faszination aus, auch wenn wir sie als Ausdruck der seelenlosen Unwirtlichkeit unserer Städte verteufeln?

Gute Kunst setzt keine Ausrufezeichen sondern öffnet Blicke und Alternativen. Und lässt eben diesen Funken Poesie überspringen.

 

 

 

 

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