Ist der Besuch schon da?
Katalogtext aus "Déplacement", Hrg. Künstlerhaus Schloß Balmoral, 2007

Ist ein Buddha im Lindt-Goldhasen-Staniolpapier ein schlechtes chinesisches Plagiat? Oder erschließt Lindt oder Buddha selbst sich neue Märkte? Hat Nestlé das Gewand des Smarties Klapperhasen einfach über alles gezogen, was hineinpasst oder versucht der ernste Buddha seine Ruhe langsam gegen das Geschüttel durchzusetzen?

Julia Wenz spielt mit dem, woran der eigene Alltag erkennbar ist: Osterhasen, der kleinen dekorativen Figur vom Floh- oder Antikmarkt, dem Mitbringsel von der letzten Reise oder dem letzten Ausstellungsbesuch, so vielen Plastiktüten. 

Alles vermeintlich harmlose Sammlerstücke des Alltags, die sich anhäufen und in der Regel unauffällig wieder verschwinden oder zumindest auf der Fensterbank verblassen.
Hier wird ein Spiel mit den gewöhnlichen Gegenständen getrieben, die durch eine Neuzuordnung, durch das Déplacement einen verunsichernden Verweis auf die ihnen zugedachte Funktion geben.
Die Objekte scheinen sich gegen diese Zuschreibung des Dekorativen zu wehren: Sie wehren sich gegen derartige Verharmlosung durch das Unterwandern des Harmlosen selbst. Wenn der Lindt-Hase, das Zeichen für hochwertige Ostergrüße in Deutschland, jetzt ein lächelnder dicker Buddha ist, das Zeichen für einen gelassenen Weg der Weisheit einer ganz anderen Weltreligion, macht das misstrauisch oder neugierig.
Julia Wenz unterbreitet neue Vorschläge für etwas, das, wie es scheint, die Dinge selbst erzählen. Damit öffnet sie neue Perspektiven auf durchaus wirtschaftliche und soziale Definitionshoheiten und Machtgefüge, die sich im Alltag in genau diesen scheinbar harmlosen Erscheinungsformen zwischen Deko-Figurine und Plastiktüte von Saturn zeigen.
Sie legt vor der gebrauchten Media-Markt-Tasche der Porzellanfigur einer asiatischen Frau den Spruch „Ich bin doch nicht blöd“ in den Mund. Damit verbindet sich mit dem Hinweis auf das Elektronik-Produktionsland China auch eine Hersteller-Person. Ähnlich wie bei dem sitzenden Akt vor der Saturn-Tüte, der „ins Netz gegangen“ ist, oder der Büste der schwarzen Frau mit den betont roten Lippen erhält jemand eine Stimme, die dem Werbeslogan je neuen Sinn gibt. Und jemand erhält ein „Gesicht“. Letzteres jedoch eines ohne authentischen Absender, eines, das die indifferente, verharmlosende und folkloristische Darstellung fremder Kultur oder schöner Frau aufgreift. Dies hängt auf das engste zusammen mit der durch derartige Darstellung geschulten Einschätzung des Fremden beziehungsweise der Exotin als hübsche Staffage - jedoch nicht einer Wahrnehmung als sprechendes Subjekt. Das ist nicht allein persiflierte Werbung, sondern vorgeführter Kitsch: eine Botschaft ohne biografischen Absender, etwas, das seinen Sinngehalt überhaupt erst in den Händen oder im Kopf des Adressaten erhält. Der sucht eine Sehnsucht nach Beruhigung, Zuversicht nach „Rettung“ zu stillen, wie etwa mit den treu blickenden Hunden aus Porzellan, nach denen der Tüten-Junge greift.
Die Welt lässt sich in der eigenen Sammlung und Auswahl sehr gut ordnen und sicherstellen. Oder sie lässt sich virtuell neu erfinden in „digitalen Ideen“, vor denen  Terrakotta-Soldaten, ein Bild für eine über 2000 Jahre alte Idee, als kleines, unorientiertes Grüppchen erscheinen. Vielleicht zeigt das nachfolgende nahezu geometrisch geordnete Bild die Ton-Krieger auf dem Rückzug im „Erdloch“ am eigenen Haus, vielleicht warten sie auch nur auf den richtigen Moment, um neu formiert hervorzutreten.

Die nur noch mit Perlen besetzte Büste verweigert jeden Kommentar über das Fehlen eines eigenen Gesichtes, das unter den kleinen Steinen fast verstopft zu sein scheint; ein Buddha-Kopf als Kokon für etwas Unbekanntes.  
Selbst das Bild der in allen Gesten und Mimiken streng kontrollierten Peking-Oper gerät in der verwackelten Grimasse ins Wanken und die Künstlerin spielt erneut mit dem Ausbruch des Folkloristischen aus seiner Berechenbarkeit.

Julia Wenz ordnet Dimensionen der Wahrnehmung und damit einhergehender Realitätskonstruktion und -sicherheit neu in den Alltag ein. Ihre Figur-Konstellationen verweisen durch ihre (Porzellan-)Präsenz vor und in westlichem Verpackungsmaterial auf die Spanne zwischen alter chinesischer, äußerst wertvoller Qualitätsexportware und neuem Billigprodukt-Deal. Mit beidem verbinden sich zwei sehr unterschiedliche Menschenbilder, die die Wertschätzung für eine Person an den Wirtschaftswert der hergestellten Ware koppeln.
Die Künstlerin entwirft damit eine eigene Version interkultureller Kommunikation, deren Akteure im Gewand exotischer Besucher an vermeintlich sicherer Stelle auf ihr Stimmrecht aufmerksam machen.

Der Besuch ist schon längst da, er ist nicht blöd und erwartet etwas mehr biografische Aufmerksamkeit und Neugierde.

 

 

 

 

----------------------------------

Im richtigen Abstand
Eröffnungsrede zur Vernissage der Ausstellung All Terrain - Julia Kunigund Holgersdottir,
im Kunstverein Ludwigsburg am 24. Juni 2012

„Gauß kam auf den Zufall zu sprechen, den Feind allen Wissens, den er immer habe besiegen wollen. Aus der Nähe betrachtet, sehe man hinter jedem Ereignis die unendliche Feinheit des Kausalgewebes. Trete man weit genug zurück, offenbarten sich die großen Muster. Freiheit und Zufall seien eine Frage der mittleren Entfernung, eine Sache des Abstands“

(Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, 2005)

Ich freue mich, dass der Raum des Salons wieder einmal ein völlig neues Antlitz erhält und mit seinen vorhandenen Eigenarten gearbeitet wird, bevor der Kunstverein dieses Domizil verlässt. Aus Spaß hatten wir im Vorfeld immer gewitzelt, dass man dabei die großen Löcher im Boden, die wohl in den Keller führen, als vielleicht letzte Raumperspektive nutzen sollte. Es kam leider, nein gottseidank, anders. Der Salon wird nicht zum White Cube, zur weißen undefinierten Wand degradiert, der hinter dem Kunstwerk als unsichtbarer Rahmen weit zurücktritt oder gar verschwindet. Denn Ecken, Nischen, Löcher, Boden, sogar die Wandbeschaffenheit werden in einen sinnvollen Kontext gestellt und werden damit auch sinnliche Erfahrung für die Betrachter.
Julia Wenz gibt sich nicht zufrieden mit einem auf mittlerer Höhe hängenden Bild, jedenfalls nicht nur, sie bespielt den Raum als Rahmen einer Ausstellung und hat entsprechend für diesen Anspruch den Raum nicht einfach mit Arbeiten angefüllt, sondern angereichert: in vielen Stunden mit ihm gedanklich und handwerklich gearbeitet.
Julia Wenz schöpft aus der großen Freiheit, die die Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gebracht haben: Sie kann alles für die Kunst verwenden und die Gegenstände einladen, zum Objekt zu werden. Man trifft auf Leinwand, Fotografie, Knochen, Hölzer, Glasgefäße, Plastik, Klebeband, Spiegelfragmente und allerlei Leuchtmittel, um nur einen Teil aufzuzählen. Weil Form, Farbe, Funktionalität und Kontext im Kopf des Betrachters Assoziationsketten auslösen und das, was das objet trouvé, das gefundene und möglicherweise leicht veränderte Ding, über Herkunfts-, Zustands- und Formverhältnisse als eigene Botschaften sendet, sich möglicherweise als Kunst behaupten kann.
Hier können Sie heute also diverse pseudowohnliche Elemente und kleine Bühnenstücke entdecken. Statt klassischen Sockeln stehen da z.B. Tische mit gesammelten Utensilien. Einer suggeriert mit seiner durchsichtigen Glasoberfläche laborhafte Sterilität, darauf aneinander gereiht: zahlreiche Petrischalen mit diversen Materialien darin, die zu wissenschaftlicher Betrachtung einladen. In jeder wuchert zusammen mit unseren Betrachtergedanken eine ganz eigene Kultur. Knochen, Farbe, Moos und Glas. Da wäre noch ein weiterer Tisch nebst Karten an der Wand. Karten ein weiteres großes Thema von Julia Wenz. Geben Karten doch ein besonderes Bild der Zeit und der Denkweise wieder, in der sie entstanden sind. Und über den Standpunkt des Kartierenden. Ein ehemals wilder, blinder Flecken Erde wird scheinbar gezähmt und unter objektiven Gesichtspunkten von topographischen Merkmalen wie Höhe über Wasserspiegeln oder Bewaldungsstrukturen, Landschaftsfaltungen, Flussläufen und Zahlen der Bevölkerungsdichte wiedergeben. Eine wie auch immer geartete Stabilität oder Berechenbarkeit trägt dieser Vorstellung Rechnung. Dass dem selbst am Lande nicht so ist, lehren uns Beben, Erdrutsche, Tsunamis, Vulkanausbrüche, Gletscherschmelzen und sonstige plattentektonische Aktivitäten sowie unsere im Vergleich mit der Weltgeschichte äußerst bescheidene Lebensspanne. Auch die Karte bietet letzten Endes nur einen Schnappschuss im Gedächtnis des Planeten und seiner Landmassen. Diese Freiheit nutzt Julia Wenz noch weitgreifender und vermischt Bildebenen des Mikrobereichs mit dem Makrobereich. So mutiert ein abgebrannter Marschmallow vergrößert zur dramatischen Felsklippe, ebenso wie die Topografie eines hochgezoomten Capuccinoflecks als Insel ins Bild gerückt wird.
Überraschende Blickwinkel zeigen auch die Fotos. Mit Spiegeln im Matsch installiert sie in der Natur ein neues Bild, welches fotografisch festgehalten und auf Leinwand ausgedruckt surreal und collagenhaft erscheint. Aber nein, diesmal ist es doch die Wahrheit, ein echtes Foto einer echten Spiegelung im echten Matsch. Wo wir mit Manipulation rechnen, wird überraschenderweise ehrlich gespielt.
Besonders charmant erscheinen die Stopfungen der Löcher im Boden mit Islamoos und der aus dem Museum seltsam vertraut tickende Hygrometer an der realen feuchten Stelle. Es wäre ein Trugschluss, der Künstlerin zu unterstellen, dass Julia Wenz im Leben vorbeidriftende Bilder und Gegenstände einfach abfischt, vergleichbar mit Strandgut. Nein, es muss programmatisch verstanden werden: Die vermeintlich eindeutigen, gedanklich besetzten Bilder oder banalen Gegenstände verlangen nach neuen Deutungen und Zusammenhängen, durch Kontextualisierung und feinsinnige Umgestaltungsmaßnahmen. So erschafft sie Arrangements von großer Eindrücklichkeit und Stimmung, wie den umpanzerten Heizkörper, der mit neuen ebenfalls rasterartigen Formen fast getilgt wurde und mit seinen diversen Lichtquellen von Monitor, Spiegeln, Lampen, Birnen und Glühdrähten eine besondere altarhafte Präsenz erhält.
Wie kommt die Künstlerin dazu? Die Arbeitsweise von Julia Wenz ist immer an der Grenze. Man könnte sie schlecht als Malerin, Zeichnerin, Fotografin oder Medienkünstlerin beschreiben, das wäre so richtig, wie es auch falsch wäre. Was sie ist, und welche Ausdrucksform sie wählt, kommt immer erst im Prozess und mit der selbstgestellten Aufgabe zum Vorschein und muss sich dann als qualitätvoll für sie erweisen. Sie nimmt sich also nicht so wichtig als Künstlerperson, so dass sie medial eine große Offenheit entwickeln konnte. Wo sich andere Künstler auf Label, Markenzeichen mit Wiedererkennungswert, festlegen, herrscht bei ihr ein fast archäologisches Interesse daran, die wirkliche Welt zu sehen, zu begreifen und ihr, auf eine ernsthafte, aber nicht minder spielerische Weise, Zwischenschichten zu entlocken. Es tut sich immer wieder Neuland auf, die künstlerische Professionaliät, mit der sie sich den Themen hingibt, soll nicht im gewohnten, technisch versierten, letztlich ersticken. Neuland, also Land, Tiefe, Raum neu zu ermessen ist für Julia Wenz eine Lebensaufgabe, die die Konzeption letztlich in den Hintergrund stellt. Hier liegt auch, in unserer abgeklärten postmodernen Kunstwelt, die oft in langweiliger Wiederholung und gähnender Variation Kunst oder das was man dafür halten soll, hervorbringt, ein echtes Potential für Innovation.
Ein metaphorisches Abbild von Erscheinungen der Welt muss für Julia Wenz dabei Island sein, die Insel zeigt mit ihrer Gegensätzlichkeit und den an die Oberfläche tretenden Verbindungen zur Erdentstehung, Vulkane, Geysire, Gletscher, ein ideales Umfeld für das laborhafte Denken der Künstlerin. Einst von einem Stipendium ins Land geführt, verlegt sie in den letzten Jahren regelmäßig Arbeits- und Lebensphasen auf die Insel. Es ist aber nicht die wilde Romantik, der sie sich ergeben möchte; genausowenig der schon zum Überdruss zelebrierte Island-Hype von Touristibranche und Buchmessen, den sie ironisch mit islandomorphem Pseudonym „Julia Kunigund Holgerdottir“ (also Tochter des Holger) bespöttelt. Als ob das so einfach wäre mit den Identitäten.
Ich schätze, dieser veränderte, anders tickende Rahmen schärft nochmals die Wahrnehmungsantennen der Künstlerin und den Blick auf sie von außen.
Julia Wenz und Julia Kunigund Holgersdottir finden Impulse in der natürlichen und der zivilisierten Welt und stoßen auf Erklärungsmodelle, Zeichensysteme, Forschungsbestecke, Hinweisschilder und Landkarten. Sie suchen und finden und werden aktiv als teilnehmende Schauende.
Sie wissen, in den Resonanzräumen zwischen Raum und Dingen kann Erkenntnis und auch Poesie entstehen.
Ich wünsche Ihnen ein aktives Sehen in geeignetem Abstand, gute Gespräche und einen angenehmen Sonntag.

 

 

------------------------

Rede zur Eröffnung der Ausstellung  „Formation. Julia Wenz“
im Maison de Bourgogne, Mainz, am 03. Mai 2012

Guten Abend, meine Damen und Herren,
ein Blick in die Werkstatt des Vernissagenredners: Da kommt ein Email von Mélita Soost, möchtest Du nicht die Einführung zu Julia Wenz machen? Ein Blick in den Kalender: ja, geht, dann ein Blick ins Internet: ja, was die Künstlerin macht, sieht interessant aus, machen wir. Ein, zwei Wochen vorher lässt man sich Kataloge und anderes Material schicken, vielleicht ein Telefonat und ein, zwei Emails, ein Versuch, sich anhand der Texte und Bilder einen Eindruck von der Arbeitsweise der Delinquentin zu machen, und dann, meistens leider eben nur ein, zwei Tage vor der Eröffnung, die Begegnung, nicht nur mit der Künstlerin oder dem Künstler, sondern auch mit der fast fertigen Ausstellung.
Das ist schon spannend, kann ich Ihnen versichern, und es macht auch nach Jahren immer wieder Spaß, besonders hier im Haus Burgund, ich wiederhole mich, das war das obligatorische Kompliment.

Dieses Mal, gestern Nachmittag war es, hatte ich mich entschieden, das Schlachtfeld erst einmal langsam zu umkreisen und mich dann wie ein Besucher aus der Stadt zu nähern. Mal das große Schaufenster von der anderen Straßenseite aus beäugen, und dann so tun, als ob man zufällig vorbeikäme. Was sieht man dann? Was zieht einen in Bann?

Zunächst Verwirrung. Da hängt was Flächiges im Fenster, Plakate auf den ersten Blick, etwa wieder Werbung für die Partnerregion Burgund wie im Sommerloch? Nein, aber Werbung wie beim Friseur, L’Oréal, jetzt also auch hier Carla Bruni? Merde! Mélita, wie kannst Du?

Aber beim Näherkommen sehe ich: Das ist ja alles durchlöchert, das kann nicht so oberflächlich ernst gemeint sein. Da wurde dekonstruiert, demontiert, zerstört, eingegriffen. Ich sage später, worum es da geht.

Julia Wenz, die in Stuttgart lebt, in Neustadt/Weinstraße geboren ist, 2007 das rheinland-pfälzische Burgund-Stipendium hatte und sich hier in dieser Ausstellung in wunderbarer Konzentration auf ihre Erfahrungen und Souvenirs aus Frankreich bezieht, ist eigentlich Objektkünstlerin. Das heißt, sie beschäftigt sich mit den vorgefundenen Dingen der Umwelt und ist insofern Realistin. Soweit ich nach Durchsicht ihrer Kataloge gesehen habe, gibt es keine einzige Arbeit, die nicht ihre Basis in Objekten unserer Welt hat, und zwar in von Menschen gemachten Objekten.

Häufig treten uns diese Objekte ganz real und konkret gegenüber, als kleine skulpturale Fetische, in Rauminstallationen, als Materialbilder, in ihrer Erscheinungsform als Ding, natürlich von der Künstlerin bearbeitet. Sie sollten einen Blick in die ausliegenden Kataloge werfen.

Heute nun, den räumlichen Möglichkeiten geschuldet, haben wir es hauptsächlich mit Abbildern zu tun, besser: mit bildlichen Verarbeitungen. Hinter mir sehen Sie eine Kollektion von fast ethnologischer Dimension, und wer in Frankreich gerne einkauft, erkennt, was Julia Wenz gesammelt hat: Es sind diese typischen Preisschilder vom Marktstand, aus der Fleischerei, aus der Auslage des Fischhändlers, dem Schaufenster mit dem Käse oder dem frischen Gemüse. Mit diesen genialen Drehscheiben, die den Tagespreis angeben. Der Händler hat dann oben die jeweilige Artikelbezeichnung draufgeschrieben oder geklebt, manchmal ist auch etwas vorgedruckt, und jeden Tag piekst er das Schildchen wieder in die Courgettes oder in das zerstoßene Eis neben den Doraden oder in die Form mit der Terrine Campagnarde, und zwar über Jahre.

Dementsprechend tragen die Schildchen die Spuren langer Benutzung, waren vielleicht schon ausgemustert, und überhaupt scheinen sie allmählich zu verschwinden, nicht nur wegen der vorgegebenen Angabe in Francs. Teils werden sie heute durch digitale Schilder ersetzt. Julia Wenz jedenfalls hat sie bei ihrem Aufenthalt im Burgund gesammelt und auf diese Weise 141 Stück zusammengetragen, in einem Formenreichtum, der sich erst durch die Abstraktion und Vereinheitlichung in der Zeichnung ergibt. Hier passte nur ein Teil an die Wand. Wichtig ist dabei, dass alle in ihrem Originalformat abgebildet sind, wichtig ist auch das Transparentpapier, das sich durch die aufgetragene Farbe leicht verzieht und auch den mehrschichtigen Charakter der Schildchen spüren lässt. Die Künstlerin hat zudem die Zahlenangaben so belassen wie sie kamen. Einige Preise scheinen zu stimmen, einige sind absolut unmöglich, bei dritten haben sich die Drehräder so verstellt, dass man die Zahlen kaum erkennt. Was uns also präsentiert wird, ist eine quasi-wissenschaftliche Bestandsaufnahme eines einzelnen Kulturobjekts, mit durchaus malerischer Qualität und unter Einbeziehung aller möglicher Assoziationen, Erinnerungen und Perspektiven. Mir jedenfalls macht diese Arbeit, die einfach nur „La Piece“ heißt, Appetit, und ich freue mich auf den nächsten Marktbesuch in Frankreich, der zum Glück kurz bevor steht.

Die Verfremdung kann auch durch eine Zutat erfolgen. Das kann eine Kleinigkeit sein, z. B. das Einfügen eines Frühstücksbretts mit weißblauem bayerischen Rautenmuster in das rechtwinklige Streifenraster einer Plastiktüte, wodurch eine abstrakt-konkrete Komposition entsteht, in Originalgröße auf Fotopapier abgezogen, deren Ernsthaftigkeit sich im Moment der Entschlüsselung als Assemblage banaler Gebrauchsgegenstände sofort wieder verflüchtigt.
Dennoch ist sie da, die Komposition, spannungsgeladen und in beeindruckender Präsenz. Das ist mehr als „Frühstücksbrettchen auf Einkaufstüte“, und doch ist es auch das wieder.
Ein Bild, changierend zwischen ironischem Kommentar auf eine ganze Kunstrichtung – das Galeristenpaar von schräg gegenüber sollte hier sein – und Faszination von Form und Farbe. Dazu Hommage an die Meister der Collage und Assemblage der Moderne (Picassos Fahrradsattel mit Lenkstange wird zum Stierkopf) ebenso wie die Hinwendung des Blicks auf die ephemeren Alltagsobjekte, und zwar die industriell gefertigten.
Jedes bedruckte Frühstücksbrettchen, jeder Lichtschalter, jedes Sofakissen, jeder Plastikbecher und jedes Preisschildchen ist Ergebnis von gestalterischen Entscheidungen. Tausende von Designern machen täglich nichts anderes.
Natürlich würden wir nicht glücklich werden, sähen wir uns das Warenangebot von ALDI oder REWE einschließlich aller Details mit demselben ästhetischen Interesse wie eine Kunstausstellung an. Aber das Label „Kunst“ steht ja auch nicht drauf, also können wir den Supermarkt gedankenlos wieder verlassen, die bunte Warenwelt auf ihren Gebrauchswert reduzieren und alle ästhetischen Überlegungen vergessen – es sei denn, etwas erscheint uns besonders misslungen und unschön.

Oder es sei denn, ein künstlerischer Akt der Verfremdung lenkt unseren Blick um. Das kann durch einfache Präsentation der Objekte außerhalb ihres Kontextes passieren (Duchamps Flaschentrockner und sein Urinoir, Warhols Suppendose), durch Isolation, Reihung, Vervielfältigung und damit Hervorhebung formaler Elemente wie bei den Preisschildchen oder eben durch Collage, Kombination, Konfrontation.
Max Ernsts Definition ist immer noch schlagend und anwendbar auf sehr viel mehr künstlerische Verfahren als die geklebte Papiercollage zu seiner Zeit:
„Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene - und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“

Diesem Prinzip folgen viele der Arbeiten von Julia Wenz, teils mit verblüffender Einfachheit des Eingriffs. Sie legt einen Teppich, den sie in ihrem Stipendiatenapartment vorfindet, ins Zentrum eines aufgelassenen Tennisplatzes am Ort und schafft damit eine formale Korrespondenz zweier von Menschen gestalteten viergeteilten Flächen. Ein Foto dokumentiert die Situation, wobei das Werk – und da versteigen wir uns schnell in Überlegungen zur Konzeptkunst – eigentlich dieser künstlerische Akt ist, die Handlung, das Tun, das Foto dagegen nur noch Souvenir und Indiz für etwas, das stattgefunden hat. Aber das nur nebenbei.

Ein guter Teil der Arbeit besteht, das ist sicher klar geworden, im Entdecken. Im Finden, ohne zu suchen vielleicht. Manchmal ist ein Eingriff in die Dingwelt gar nicht mehr notwendig. Von selbst, ohne Zutun der Künstlerin, haben sich einander wesensfremde Realitäten zusammengefunden, haben Menschen vor ihr, irgendwann und vielleicht vor langer Zeit Ensembles geschaffen, bei denen der Funke Poesie überspringt. Ein Foto reicht aus, wie bei dem kleinen Hof auf der Säule mit der merkwürdigen Hütte und dem überaus kreativen Treppchenmosaik.

Die Zutat, von der ich gesprochen habe, kann auch sehr gewichtig sein, der Eingriff härter, die Konfrontation einander fremder Elemente gewaltsamer. Das trifft zweifellos für die „Cityscapes“ – also Stadtbilder – im Schaufenster zu. Die Gesichter schöner oder geschönter Frauen sind durch Einschnitte zerstückelt, Haut und Haar, die so schmeichelnd-verführerisch glänzen sollen, werden durchlöchert von mechanisch gereihten Rasterflächen, anorganisch-technizistische Strukturen stören die kühle Erotik.

Das verbindende Element dieser beiden Bildwelten, der gemeinsame Begriff, den diese Décollagen – denn so müsste man das Verfahren ja eigentlich nennen – provozieren, ist natürlich die Fassade. Worin das französische Wort für Gesicht schon enthalten ist. In diesem Falle das faltenlose kosmetisierte Gesicht der urbanen Konsumwelt, ob nun Model oder Mainhattan, Haut oder Hülle, Glitzer oder Glas: Oberflächen – im eigentlichen und im übertragenen Sinn.

Aber auch bei dieser Arbeit dürfen wir nicht zu kurz greifen. Die Anordnung verschiedener Muster auf dem einzelnen Plakat folgt ästhetischen Prinzipien, ist kubistisch aus wechselnden Perspektiven zusammengesetzt. Durchblicke sind kalkuliert, Tiefen, Durchdringungen, ebenso Spiegeleffekte in den Glasfronten, leise Bewegungen, der im Lauf des Tages wandernde Schattenwurf und der völlig andere Eindruck bei nächtlicher Beleuchtung. Das soll schon alles schön aussehen, und vielleicht sogar ist das Spiel des Lichts, das durch die Einschnitte ausgelöst wird, das eigentliche ästhetische Element. Verboten darf diese Sichtweise nicht sein. Und – seien wir ehrlich – übt die futuristische Glasfront einer modernen Architektur nicht dennoch eine Faszination aus, auch wenn wir sie als Ausdruck der seelenlosen Unwirtlichkeit unserer Städte verteufeln?

Gute Kunst setzt keine Ausrufezeichen sondern öffnet Blicke und Alternativen. Und lässt eben diesen Funken Poesie überspringen.

 

 

 

 

-----------------------------------